“Ich wurde sexuell missbraucht.”

Sexueller Missbrauch – ein Thema welches in den meisten Menschen ein unwohles Gefühl auslöst. Entweder, weil sie es selbst erlebt haben oder eben, weil sie es nicht erlebt haben und am liebsten so tun würden, als würde es gar nicht passieren. Für viele Menschen ist es jedoch bittere Realität.
Eine EU-Studie aus dem Jahr 2014 kam zu dem Ergebnis, dass allein in Europa jede Dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Für viele scheint das vielleicht überraschend. Sexueller Missbrauch ist selten ein Thema, welches von den Medien thematisiert wird. Zuletzt war vor allem der Kindesmissbrauchsfall aus Bergisch Gladbach medial präsent.
In vielen Berichten geht es aber meistens nur um die Täter und was sie zu diesen abscheulichen Taten bewegt hat.
Heute ist das anders. Heute reden wir über die Überlebenden.

Anfang des Jahres habe ich Luisa kennengelernt. Die 21-Jährige Schauspielstudentin aus Freiburg war selbst über ein Jahr Opfer von sexuellem Missbrauch. Der Täter war ein damaliger guter Freund. Aber um den geht es heute nicht. Denn das hier ist Luisas Geschichte.

Luisa
@luisactivist

“Du willst es doch auch. Irgendwann hab ich mir dann die Frage gestellt, ob er vielleicht Recht hat. Ich das wirklich will. Vielleicht übertreibe ich auch nur. Sowas würde mir nie passieren. Nächstes Mal mache ich es besser.” Gedanken, die der damals 15-Jährigen durch den Kopf gehen, während ein angeblicher Freund sie missbraucht.
“Über ein Jahr lang hat er mich immer wieder bedrängt, angefasst, ausgezogen, geschlagen, psychisch und körperlich unter Druck gesetzt, ausgenutzt und zu sexuellen Handlungen gebracht”, erzählt die heute 21-Jährige.
Wirklich gewusst, was da mit ihr passiert hat sie damals nicht – schließlich war sie auch erst 15. “Ich hatte vor diesen Erlebnissen keine Erfahrungen mit Sexualität oder Nähe in dem Sinne, deshalb war es für mich umso schwerer einzuordnen, was passierte.” 

Vergewaltigt von einem Bekannten? DaS gEHt ÜBerHauPt? Schließlich haben uns Serien wie CSI & Co jahrelange in dem Glauben gelassen, dass Sexualverbrechen vor allem Frauen passieren, welche nachts, angetrunken und allein durch den Park laufen. Plötzlich springt der Unbekannte aus dem Gebüsch und fällt über das wehrlose Opfer her – ja richtig, auch das ist eine Vergewaltigung. Aber eben nicht nur.
Dieselbe EU-Studie ergab nämlich, dass 77% der Betroffenen ihren Täter kannten oder sogar mit ihm in einer Partnerschaft gelebt haben bzw. leben. Genau wie Luisa.
Übrigens war es bis 1997 so, dass Vergewaltigung innerhalb einer Ehe nicht als solche anerkannt wurde. Denn “Sex galt als eheliche Pflicht”. Das ist nicht nur erschreckend, sondern auch unverständlich. Und das Ganze ist erst 23 Jahre her.

Viele weitere Mythen und Klischees schleichen sich um dieses wirklich schwierige Thema. Also schaffen wir einige mal direkt aus dem Weg.

Eine Vergewaltigung hat einen Grund – einen Vergewaltiger. Ende.

causes_rape
Niemand hat “zu viel getrunken”. Niemand hat ein “zu kurzes Kleid” angehabt. Niemand war es “selbst Schuld”. Dieses ganze abstoßende Verhalten gegenüber Opfern von sexuellem Missbrauch hat auch einen Namen. “Victim Blaming” – dem Opfer die Schuld geben. Allein diese Bezeichnung ist für mich so paradox, dass ich absolut nicht verstehen kann, wie jemand überhaupt auf diese Idee kommen kann, solche Fragen zu stellen. Aber hey, jeden Tag steht ein Doofer auf.

Denke niemals, es kann dir nicht passieren.
Seit ich Luisas Geschichte kenne und mit vielen meiner Freundinnen über das Thema allgemein geredet habe ist mir vor allem eins aufgefallen. Fast alle meine Freundinnen wurden schon mal dumm angemacht, ihnen wurden unfassbar qualifizierte Kommentare wie “Kann man dich heute noch ficken?” zugerufen oder sie wurden angefasst und belästigt. Ich selbst auch. Und trotzdem haben wir den Eindruck, dass alles sei nicht unbedingt ok. Aber es sei normal. Vielleicht nicht mal das, aber was sollen wir schon machen? Uns glaubt sowieso keiner oder wir sollen uns nicht so anstellen. Außerdem passiert SOWAS uns selbst eh nicht. Die Realität sieht aber dann doch, wie so oft, ganz anders aus.

“Von sexueller Gewalt gegenüber Männern und Jungs hört man sowieso bis heute nahezu nichts in den Medien.” Ein Punkt in diesem sehr komplexen Thema, welcher auch Luisa besonders wichtig ist und auf den sie auf ihren Social Media Kanälen häufig Aufmerksamkeit längt. Denn auch Männer oder Jungs können Opfer von Sexualverbrechen werden. Zwar deutlich weniger häufig als Frauen – aber hier geht es nicht um Mehrheiten. Hier geht es um alle Betroffene. Trotzdem ist der Missbrauch von Männern häufig ein noch größeres Tabuthema, als Sexualverbrechen an Frauen.

Tabuthema ist ein gutes Stichwort. Sprechen wir mal kurz über Zahlen. Circa 10 – 15% aller Betroffenen von sexuellen Übergriffen erstatten eine Anzeige. Die meisten Opfer tun das jedoch nicht. Dafür gibt es viele Gründe. Auch Luisa hat ihren Täter nie angezeigt. „Das Verhältnis von Anstrengung im Prozess für mich und mögliche Folgen für den Täter sah nicht besonders ausgewogen aus.“ Ihre Entscheidung bereut die 21-Jährige nicht. „Ich finde es aber immer noch sehr problematisch, dass ich keine Ahnung habe, ob der Täter das noch anderen Menschen antut. Es würde mich wundern, wenn ich die Einzige gewesen wäre, mit der er so umgegangen ist.“ 
Die Scham vor dem Geschehenen, die Angst, das Trauma vor Gericht und vielen fremden Menschen wieder durchleben zu müssen und diese Aussichtslosigkeit. Denn das Strafmaß in Deutschland ist mit bis zu 15 Jahren für sexuelle Übrgriffe, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung zwar relativ hoch, wird jedoch wie wir alle wissen, sehr sehr selten ausgeschöpft. Eigentlich nie. Weitere Studien besagen, dass im Durchschnitt nur eine von Hundert Frauen die Verurteilung ihres Vergewaltigers erlebt.

Eine. Von Hundert.

Und das obwohl die Aufklärungsquote bei 80% liegt, wenn man aktuellen Zahlen glaubt. Dazu muss man aber wissen, dass “aufgeklärt” nur bedeutet, dass ein Täter ermittelt werden konnte. Nicht aber, dass dieser in irgendeiner Art und Weise strafrechtliche Folgen erleben musste. Aufgeklärt ist eben nicht gleich verurteilt.

Luisa hat wie gesagt keine Anzeige erstattet. Trotzdem ist sie aber alles andere als stumm geblieben und hat sich selbst Hilfe geholt. “Die Beratungsstelle, bei der ich war, heißt “Wildwasser” und befindet sich in Freiburg. Dort habe ich mich super wohl und gut aufgehoben gefühlt! Ich habe fast ein Jahr regelmäßig Termine dort gehabt und konnte alles erzählen ohne verurteilt, beschuldigt, beschämt oder nicht verstanden zu werden.”
In Deutschland gibt es einige Anlaufstellen (mehr dazu am Ende des Posts), wie beispielsweise Profamilia oder Frauen Gegen Gewalt e.V.
Luisa war davon auch positiv überrascht: “Es gibt zugängliche Anlaufstellen! Das ist schon mal der Hammer! Ich persönlich habe sehr schnell einen Termin bekommen und auch das finde ich wichtig.”
Mindestens genau so wichtig findet die 21-Jährige aber, dass es mehr Aufklärung über das Thema geben sollte. Denn ihre Geschichte zeigt sehr deutlich, dass Betroffene oft nicht wissen, was ihnen da passiert und was das überhaupt bedeutet. “Die meisten Vergewaltigungen passieren im Bekanntenkreis. Niemand erklärt einem, dass eine Vergewaltigung nicht im Gebüsch stattfinden muss oder dass auch der beste Freund oder die Lehrerin einem unangenehm nahekommen kann.“

Und das ist mit der Grund, warum ich heute darüber schreibe. Warum Luisa ihre Geschichte teilt und darauf aufmerksam macht.
Denn Sexualverbrechen sind ein schwieriges Thema, mit dem sich am liebsten Niemand von uns beschäftigen würde. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie passieren. Jeden Tag.
Und es gibt viel zu viele Klischees und Unwissenheit, was das Thema angeht, sodass vielen Opfern oft nicht geholfen werden kann.
Was wir euch sagen wollen: Es ist nicht eure Schuld. Nie. Und es gibt Hilfe. Immer.

Enden wir das ganze mal mit ein paar positiven und sinnvollen Informationen, die ihr immer bei euch tragen solltet.

  • 2016 wurde der Grundsatz “Nein heißt Nein” im Sexualstrafrecht verankert. Im Klartext bedeutet das, dass ein sexueller Übergriff schon dann strafbar ist, wenn er gegen den erkennbaren Willen der Betroffenen ausgeführt wurde. (Nein, das war bis dahin übrigens nicht so.) Bis 2016 mussten Opfer sich “deutlich körperlich wehren”, damit der Übergriff überhaupt als solcher eingestuft werden konnte.
  • Ein Grund warum viele Betroffene ihren Täter nicht anzeigen, ist häufig das Fehlen von physischen Beweisen. Nach einem Übergriff, fühlen sich viele Frauen nicht in der Lage eine Anzeige zu erstatten, geschweige denn sich einer Spurensicherung zu unterziehen. In einigen Städten in Deutschland gibt es dafür eine Lösung – die sogenannte “Anonyme Spurensicherung” (ASS). Nach einer Sexualstraftat können Betroffene die Spuren anonym und fachgerecht sichern lassen, ohne eine Anzeige zu erstatten. Je nach Klinik können die Spuren bis zu 20 Jahren lang gesichert werden.
  • Die Gesellschaft verändert sich. Kampagnen wie #metoo und #whyididntreport zeigen, dass Opfer von Sexualverbrechen eben nicht “selbst Schuld” sind und drängen das Thema in die mediale Öffentlichkeit. Ob es mehr Betroffene zur Anzeigenerstattung motiviert, kann man nicht belegen. Aber es löst ein Gefühl von Zusammenhalt aus und motiviert viele, sich Hilfe zu holen.

Luisa macht eine Therapie, um das Erlebte zu verarbeiten und will vor allem mit dem Trauma, oder trotzdessen, ein glückliches Leben führen. “Ich bin meinem Vergangenheits-Ich verdammt dankbar dafür, dass ich damals in der Therapie beschlossen hab, dass das ein Problem ist, aber es in einem oder zwei Jahren kein Problem mehr sein muss, weil ich verändern kann, wie es mir damit geht.”

Daneben hat sie einen eigenen YouTube-Kanal auf dem sie offen über das spricht, was ihr passiert ist. Sie will anderen Mut machen. Mit ihrer starken Einstellung und selbstbewusstem Auftreten hat sie schon Erfolg: „Mir haben schon viele Menschen geschrieben, dass sie sich von mir inspiriert haben lassen und sich Hilfe geholt haben. In solchen Momenten freue ich mich unglaublich darüber, wie ich mit dem Ganzen umgegangen bin.

Ich weiß heute was mir passiert ist und ich schäme mich kein Stück mehr dafür.“ 

Ich glaube besser hätte ich es selbst nicht zusammenfassen können.

Love, Lea. ♡

PS:
Wenn du selbst Opfer von (sexuellem) Missbrauch warst oder bist, gibt es hier einige Anlaufstellen, die dir helfen können.

PPS:
Wenn du dich fragst, was du jetzt sofort von Zuhause aus tun kannst, gibt es hier noch Petitionen, welche du einfach unterschreiben kannst.

Luisas Social Media (:

 

 

 

 

 


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s